Hör’ auf zu hupen und geh’ zur Therapie
Wann ist eigentlich die Hupe zum Ausdruck der Kommunikationsunfähigkeit von Städtern geworden?
Ich fahre Fahrrad, weiche einem Kinderwagen aus oder stehe an einer Ampel und bin mit meinen Gedanken bei der Einkaufsliste. Jemand hupt, plötzlich und laut. Ich spüre diesen Ton mit meinem ganzen Körper. Angehupt zu werden, ohne selbst in einem Fahrzeug zu sitzen, versetzt mein System in einen akuten Schockzustand. Die Hupe ist ein Gefahrensignal! Sie vermittelt mir: „Alarm!”, und ich fühle mich grundsätzlich persönlich angesprochen. Nein: angeschrieen. Dabei hupen Menschen oft einfach aus Ungeduld und Ärger. Ich frage mich: Wann ist Hupen eigentlich zu einer gängigen Form der Kommunikation geworden? Und für wen?
Ich tauche in ein Rabbit Hole aus Hup-Fakten ab und finde heraus, dass Wut am Steuer (Road Rage) zwar ein sehr gut untersuchtes, das spezifische Hupen jedoch ein eher schlecht untersuchtes Feld ist. Wie erwartet gibt es Länder- und Kulturunterschiede bezüglich der Bedeutung und Häufigkeit des Hupens. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 bestätigt meine eigenen Reiseerfahrungen. Demnach gehört das Hupen in Ländern wie Indien und Thailand zum guten Ton und ist eine akzeptierte und viel genutzte Form der Kommunikation. Gehupt wird dort nicht nur zur Warnung oder um Ärger auszudrücken, sondern auch als Dank und zur Begrüßung. Das Paper beschreibt das Hupen dort als „vital social tool“. In Europa sind Italien und Griechenland die Nationen, in denen viel gehupt wird. In Skandinavien, Kanada und Deutschland herrscht dagegen eigentlich der Konsens (und die rechtliche Vorgabe), dass die Hupe nur als Warnsignal genutzt werden darf.
In Deutschland ist Hupen eine Ordnungswidrigkeit. Laut § 16 Abs. 2 StVO i. V. m. Bußgeldkatalog wird missbräuchliches Hupen als Tatbestand „missbräuchliche Verwendung von Schallzeichen“ mit einem Verwarnungsgeld von 5 Euro, bei Belästigung mit 10 Euro geahndet. Das Kraftfahrt-Bundesamt speichert laut eigener Beschreibung nur Verstöße, die die Verkehrssicherheit im Sinne des Fahreignungs-Bewertungssystems beeinträchtigen, also solche mit Punkten in Flensburg. Weil das so ist, gibt es keine belastbaren und schon gar keine gendersegregierten Daten zu Hupenden.
Die 2021 erschienene Studie „Männlichkeit, Weiblichkeit und wütende Autofahrer“ beschäftigt sich mit den Konzepten von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie dem Ausdrucksstil von Wut bei jungen Autofahrer:innen. Die Teilnehmenden beurteilten selbst, wie schnell und stark sie beim Fahren wütend werden, wie männlich bzw. weiblich sie sich selbst einschätzen (unabhängig vom biologischen Geschlecht) und wie sie ihre Wut beim Fahren ausdrücken (z. B. durch Beschimpfungen oder Gesten wie Hupen oder Drängeln). Und siehe da!
Die Ergebnisse zeigten, dass Teilnehmende, die sich selbst als eher „männlich“ einschätzen, andere Verkehrsteilnehmer:innen häufiger beschimpfen und ihre Wut eher über Gesten oder das Fahrzeug ausdrücken, also hupen oder drängeln. Wer sich selbst als eher „weiblich“ einschätzt, tut das seltener. Das Fahr- und Hupverhalten ist also eng an tradierte Rollenbilder von Männlichkeit und Weiblichkeit geknüpft – ganz unabhängig vom tatsächlichen Geschlecht der fahrenden Person.
Und tradierte Rollenbilder (aka ein patriarchales Weltbild) bringen uns alle ständig in Schwierigkeiten. Meine These ist deshalb: Mehr Therapie für Männer, weniger Road Rage, weniger Schockmomente für mich (und alle anderen). Konzepten von Männlichkeit und Weiblichkeit und dem Ausdrucksstil ihrer Wut bei jungen Autofahrer:innen. Fahrende beurteilten selbst, wie schnell und stark sie beim Fahren wütend werden, wie männlich bzw. weiblich sie sich selbst einschätzen (unabhängig vom biologischen Geschlecht) und wie sie ihre Wut beim Fahren ausdrücken (z. B. Beschimpfungen, Gesten, wie Hupen oder Drängeln). Und guess what?
Die Ergebnisse zeigten, dass Teilnehmende, die sich selbst als eher "männlich" einschätzen, andere Verkehrsteilnehmerinnen häufiger beschimpfen und ihre Wut eher über Gesten oder das Fahrzeug ausdrücken, also hupen oder drängeln. Wer sich selbst als eher "weiblich" einschätzt, tut das seltener. Fahr- und Hupverhalten sind also eng an tradierte Rollenbilder von Männlichkeit und Weiblichkeit geknüpft, ganz unabhängig vom tatsächlichen Geschlecht der fahrenden Person. Und tradierte Rollenbilder (aka: ein patriarchales Weltbild) bringen uns alle ständig in Schwierigkeiten. Meine These ist also: Mehr Therapie für Männer, weniger Road Rage, weniger Schockmomente für mich.
Klingt das überspitzt? The Guardian hat vor einiger Zeit den Beitrag „Eight reasons men don’t go to therapy – and why they should“ veröffentlicht. Der darin zitierte Experte, der klinische Psychologe Dr. Stephen Blumenthal, erklärt, es gebe acht Gründe, aus denen Männer keine Therapie aufsuchen. Einer davon ist: „Men are primed for action: They are far less likely to say they are depressed or anxious." Die Forschung zeigt dagegen, dass sie vielmehr dazu neigen, sich problematisch zu verhalten, wenn sie belastet sind. Aggressives Hupen wäre demnach ein Ventil für aufgestaute Gefühle, die Männer seltener als Frauen verbal äußern. Ein weiterer Grund, Therapie zu verweigern, sei: “They tend to feel deeply ashamed of their suffering, concealing it not just from others but from themselves.” Wenn Männer sich also nicht mit ihren inneren Konflikten beschäftigen, können sie ihre Wut an einer blockierten Kreuzung, einem „Arsch“ oder einer „Frau am Steuer“ auslassen. Mit einem tieferen Stressor hat das dann vermeintlich nichts zu tun. Außerdem gebe es zu wenige Role Models. Blumenthal sagt: „We rarely see men discussing therapy as routine maintenance, the way we might talk about going to the gym or managing diet.“ Weil Männer so viel seltener offen über Therapieerfahrungen sprechen, bleiben diese etwas Außergewöhnliches unter Männern. Aggressives männliches Verhalten im Verkehr ist dagegen alles andere als außergewöhnlich, es ist alltäglich.
Bild: KI
Mehr zum Thema: Ich habe vor einiger Zeit mit dem Experten für Männer und ihre Autos – dem Autor und Männerberater Boris von Heesen – über Road Rage, Privilegien und Statussymbolik im Kontext des Patriarchats gesprochen.