Ooh, baby, baby

Pünktlich zum Safe Abortion Day am 28. September die Serien-Empfehlung “Push” über Kinderwunsch, körperliche Selbstbestimmung und Geburt. Passt das zusammen? Unbedingt.

Egal, ob Menschen mit Gebärmutter Kinder möchten oder nicht ob sie Kinder bekommen können oder nicht und bei der Frage wo sie gebären möchten – zu Hause, im Geburtshaus oder im Kreissaal –, überall wollen Politik, Legislative und Patriarchat mitreden. Und eigentlich steht nur sehr wenigen Männern in diesen Situationen ein Mitspracherecht zu.

Die Serie “Push” vermittelt schon in Staffel 1 ein entromantisiertes und realitätsnahes Bild von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Mit dem Schmerz, den Komplikationen und den Ängsten, die dazugehören. Außerdem wirft sie einen (bestimmt immer noch geschönten) Blick auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Beleghebammen. Nalan (Mariam Hage), Anna (Anna Schudt) und Greta (Lydia Amasko) sind immer auf Abruf, betreuen Mütter und Väter emotional und körperlich und müssen nebenbei ihr eigenes Leben auf die Kette kriegen.

Wahrscheinlich haben wir es der Fachberaterin Christiane Hammerl und ihrem überwiegend weiblichen Team zu verdanken, dass „Push“ auch in der zweiten Staffel nicht nur kaum blankgerubbelte Babys, sondern sogar frisch entbundene Plazenten zeigt. Staffel 2 schildert auch die sehr unterschiedlichen Arbeitsprozesse von angestellten und Beleghebammen.
Die von zdfneo produzierte Serie zeigt Mutterschaft in heteronormativen, schwul-lesbischen und rein platonischen Beziehungen und urteilt nicht. Unfruchtbarkeit, künstliche Befruchtung und Fehlgeburten – Dinge mit denen Frauen und Mütter oft im Privaten umgehen müssen – sind Teil des Drehbuchs. Und immer wieder geht es um Unterfinanzierung, Personalmangel und unmögliche Anforderungen an medizinische Fachkräfte. Eizellenspenden, Leihmutterschaft, Abbrüche und andere ethische Fragestellungen werden ohne den Anspruch aufgeworfen, gelöst oder eingeordnet werden zu müssen. Wir werden mit – und das rechne ich dem Team hoch an! – spontanem Stuhlabgang und gewaltvollen Geburten konfrontiert. Wir tun immer so, als sollte jede Frau im gebärfähigen Alter jederzeit mal eben nebenher ein Baby wachsen lassen und aus sich rauspressen können. Was alles dazugehört und wie viele Frauen neben den eigentlichen Müttern daran beteiligt sind, wird viel zu oft übersehen.

In einer Streaming-Industrie, die sich auf Remakes ausruht und “plastic-fantastic” und “rich-and-famous” so viel öfter finanziert wird, als “wholesome” und “real”, ist „Push“ eine willkommene Abwechslung: unterhaltsam, gesellschaftskritisch und neu. Alle Männer mit Kinderwunsch sollten sich “Push” meiner Meinung nach ansehen. Und ich wollte hier schon etwas zynisches wie “die Hoffnung stirbt zuletzt” hinzufügen, aber habe dann noch schnell die Daten überprüft. Und siehe da: Das ZDF-Streaming-Portal hat gemessen, dass 60 Prozent der Zuschauer:innen innerhalb der ersten 30 Tage nach Start der ersten Staffel Männer waren. Gute Unterhaltung. Nahbare Protagonist:innen. Jede Menge Gesellschaftskritik. Öffentlich-rechtliches Unterhaltungsfernsehen, das seinem Bildungsauftrag gerecht wird? Was will man mehr?


PUSH
zdfneo,
Staffel 1 und 2 in der zdf-Mediathek‍ ‍

Bild: ZDF/Nico Roicke